Warum wir nicht immer von „Spaltung“ reden sollten

Seit Beginn der vierten Corona-Welle ist überall von der „Spaltung der Gesellschaft“ die Rede. Doch das stimmt so nicht. Es ist richtig, dass der Druck auf die Ungeimpften wächst, es ist auch korrekt, dass wir Straßenproteste ertragen müssen und Diskussionen mit andersdenkenden Freunden oder Verwandten. Das alles ist aber kein Drama. Streit und Protest gehören zur Demokratie dazu.

 

Außerdem ist es nicht etwa die Pandemie mit ihren Begleiterscheinungen, die zur angeblichen Spaltung unserer Gesellschaft geführt hat. Wenn man einem Virus schon die Schuld geben möchte, dann nur dafür, dass es die ohnehin schon bestehenden Probleme und Missstände noch deutlicher sichtbar gemacht hat. Wir haben bereits eine ökologische Krise, in Teilen Europas eine Krise der Demokratie, wir haben eine soziale Krise und eine Pflege-Krise; und nun eben auch noch die Coronakrise. Krisen sind längst zur Normalität in unserer Gesellschaft geworden, die mit ihnen einhergehende Spaltung der Gesellschaft auch.

 

Fehlende Pflegefachkräfte auf der einen, Bankenrettung auf der anderen Seite. Klimaaktivisten auf der einen, Milliarden-Förderung für die Autoindustrie auf der anderen Seite. Von Themen wie Chancengleichheit in der Bildung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für Sozialschwache ganz zu schweigen. Wer Spaltung sucht, wird Spaltung finden – und zwar lange bevor die Coronapandemie die Gemüter erhitzte. Nur wurden Ungleichheit und Ungerechtigkeit lange Zeit als notwendiges Übel einer Demokratie hingenommen und nicht politisiert.

 

Es ist scheinheilig sich jetzt über „Spaltung der Gesellschaft“ zu empören. Denn die ist deutlich älter als Corona.

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